Liebe Medien, wir müssen reden…

… und zwar über Polyamorie, oder besser: Über das Bild davon, welches ihr der Öffentlichkeit vermittet. Das mediale Interesse an Polyamorie hat in letzter Zeit deutlich zugenommen, und grundsätzlich ist es schön, wenn ihr über polyamor lebende Menschen berichtet und das Thema dadurch sichtbar macht.

Ich will nachfolgend ein paar Aspekte für einen gelungenen Beitrag zusammentragen.

Die richtige Begriffsabgrenzung

Den Wikipedia-Artikel über Polyamorie haben die meisten von euch zumindest schonmal überflogen. Gerade bei der Begriffsabgrenzung ist es wichtig, einmal durchzuatmen und dem Gedanken Zeit zu geben, sich zu setzen.

Eine Sache die immer mal wieder schiefläuft, ist die unrichtige Gleichsetzung von Polyamorie mit einer sexuellen Praktik.

„Und mittlerweile ist Polyamorie – der flotte Dreier oder Vierer – gesellschaftsfähig.“
-Aus einer Sendungsankündigung des SWR

Sicher kommen flotte Dreier auch  in einigen polyamoren Konstellationen vor, aber es gleichzusetzen hat ungefähr den Wahrheitsgehalt wie die Aussage, daß die öffentlich-rechtlichen Sender Erotik-Sender seien. Dort gibt es zwar auch mal einen erotischen Film im Programm, aber es ist eben auch nur ein kleiner Teil eines ansonsten sehr facettenreichen Spektrums. Die Gleichsetzung schürt Vorurteile und erzeugt eine falsche Außenwirkung bei Menschen, für die Sex ein heikles Thema ist. Wer würde seine Kinder schon einen Erotik-Sender gucken lassen?

Klar, „Sex sells“, aber gerade beim Thema Polyamorie habt ihr die Chance, die gesamte Bandbreite polyamoren Lebens zu beleuchten und interessante Geschichten zu erzählen, die sich nicht im „wer macht’s mit wem“ erschöpfen.

Das Leben ist vielfältig. Polyamore Menschen führen langjährige Beziehungen, leben, lieben und lachen miteinander, tragen Ringe, schenken einander Blumen, ziehen Kinder groß und schreiben Liebesbriefe. Sie tauschen sich miteinander über eine Art von Romantik aus, für die es keine Vorbilder in Disney-Filmen gibt.

Und ja, einige haben auch Sex (häufig tatsächlich „nur“ zweit), andere haben aus unterschiedlcihen Gründen keinen Sex miteinander, z.B. weil

  • an einem Partner kein sexuelles Interesse besteht
  • mindestens ein Partner asexuell ist
  • Weil eine Verbindung nach Außen Liebe, aber keinen Sex zulässt
  • u.s.w.

Zeit lassen und Vertrauen schaffen

Uns erreichen immer wieder eure Anfragen für TV oder Radio, bei denen sehr kurzfristig Menschen für ein Interview gesucht werden. Ein Problem ist oft das Zeitfenster in Kombination mit der Entfernung.

Ein Zeitfenster von 1-2 Wochen mag aus Sicht eurer Redaktionen eine halbe Ewigkeit sein, aus Sicht von Menschen, die wenig bis keine Medienerfahrung haben, ist es sehr sehr kurzfristig.

Hinzu kommt, daß eure Medienhäuser oft weit weg von uns sind, und daß es sich für euch darum nicht lohnt, einfach mal für ein Vorgespräch durch halb Deutschland zu fahren.

Genau diese Vorgespräche sind es allerdings, die Vertrauen schaffen können und euren Interviewpartnern einen Eindruck davon geben, wie gut ihr selbst die Thematik versteht und in welchen Kontext die Interviews eingebunden sein werden. Je persönlicher, desto besser.

Nicht über den grünen Klee loben

Vielleicht seid ihr durch eure Beschäftigung mit Polyamorie auch total begeistert von dem Thema. Macht aber deshalb bitte nicht den Fehler, es den Menschen als Allheilmittel zu verkaufen.

„Monogame Beziehungen funktionieren nicht –
Polyamore Beziehungen funktionieren auch nicht!“

Dieser scherzhaft gemeinte Satz ist die Antwort auf die Frage, ob Polyamorie alle Beziehungsprobleme in der westlichen Hemisphäre lösen könne.

Polyamorie verhindert nicht, daß die Hälfte aller Ehen wieder geschieden werden, führt nicht ins sexuelle Schlaraffenland und wird auch nicht den Weltfrieden herbeiführen. Ehrlichkeit, Kommunikation, Loyalität und Aufmerksamkeit sind Schlüssel für eine gute monogame Beziehung und ebenso für das gleichzeitige Führen mehrerer Beziehungen.

Polyamore Verbindungen reagieren in der Tat sogar instabiler auf das Fehlen der Aspekte, die eine gute Beziehung ausmachen, unter anderem weil es, anders als bei der Monogamie, nicht den breiten gesellschaftlichen Erwartungsdruck gibt, an einer Beziehung festzuhalten, wenn sich die Partner entfremdet haben.

Kein „Titelkampf“ zwischen Beziehungsformen

Ja, ihr liebt es dramatisch.
„Polyamorie – das Ende der Monogamie!“
Einige eurer Artikel tragen eine solche Überschrift.  Wie beim Fußball. Wer wird Weltmeister und wer verliert?

Vielleicht seht ihr selbst durch Polyamorie die Werte bedroht, die unsere Zivilisation groß gemacht haben. Mindestens aber wirkst solch eine Überschift bedrohlich für eure monogame Leser- und Zuhörerschaft.

Wenn zwei Menschen den Herzenswunsch haben, langfristig eine exklusive Beziehung zu führen, ist es eine wunderbare Sache und für diese Menschen ist Monogamie die beste Wahl. Wenn jedoch nur ein Mensch diesen Wunsch hat und der andere sich mangels Alternative notgedrungen darauf einlässt, um nicht einsam sterben zu müssen, ist es eine tickende Zeitbombe und Beziehungskrisen sindvorprogrammiert.

Wenn dagegen alle Menschen das Wissen um die freie Wahlmöglichkeit zwischen Monogamie, Polyamorie und weiteren Beziehungsformen haben, wird der Anteil der monogamen Beziehungen steigen, in der beide Partner es genau so wollen.

Die Koexistenz von Polyamorie und Monogamie kann sich für beide Beziehungsformen positiv auswirken. Biologen würden von einer Symbiose sprechen. Darum seid so gut und schürt keine gesellschaftliche Spaltung mit solchen Überschriften.

Über passende Bilder und Werbung

Gerade, wenn ihr mit visuellen Medien arbeitet, kann auch der differenzierteste Beitrag über Polyamorie noch durch eine schlecht gewählte Bebilderung oder unpassende Werbung wieder in die „Sex- und Prostitutions“- Ecke gestellt werden.

Überschrift: „Trend Polyamorie
Kann eine offene  Beziehung funktionieren?“
Anzeige: „Ständig über 100 Girls live im Sexchat
Jetzt hier klicken und sofort testen.“
(Passend mit Damen in knapper Reizwäsche bebildert)
-Erster Suchtreffer für „Polyamorie“ bei Bild.de

Auch wenn ihr es nicht direkt behauptet: Die Verknüpfung Polyamorie != Schmuddelecke wird durch solche thematische Zusammenstellungen gefördert.  Ebenso wie Polygamie != Zwangsehe != Kinderehe durch die häufige Nennung in einem Atemzug verknüpft wird.

Redet also mit eurer Foto-Redaktion und markiert den Artikel für die Werbeindustrie auch nicht als „Sex und Erotik“ sondern lieber Richtung „Liebe und Beziehung“ – denn darum geht es.

Stellt euch die Reaktionen von Eltern vor, die  solche medial verursachten Fehl-Verknüpfungen im Kopf haben und von ihrem pubertierenden Kind mit der Aussage konfrontiert werden, daß es seine Beziehungen polyamor leben möchte oder später einmal Polygamie praktizieren möchte.

Für den ersten Eindruck gibt es nur eine Chance

Ihr habt die Reichweite, viele Menschen zu erreichen, die nie zuvor von Polyamorie gehört haben. Repliziert keine vorhandenen Vorurteile. Mit euren Beiträgen gebt ihr dem Begriff „Polyamorie“ bei vielen Menschen ein langfristiges Framing mit auf den Weg.

Noch Fragen?

Dann nehmt einfach Kontakt auf.

 

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3 Kommentare zu “Liebe Medien, wir müssen reden…”

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