Essay: Zum Stand der Polygamie

Dieses Essay ging aus einem fast inhaltsgleichen Leserbrief hervor, den ich als Antwort auf einen Artikel in Fefes Blog verfasst habe. -PolyLX

Ich befasse mich seit ca. 10 Jahren mit nicht-monogamen Beziehungsformen
und habe festgestellt, daß einvernehmliche Polygamie weithin unter dem
Radar der Leute fliegt, oder lediglich als Modell mit einem Mann und
mehreren Frauen im Zusammenhang mit Mormonen oder Moslems bekannt ist.

Oft wird den beteiligten Frauen grundsätzlich unterstellt, die Mehrehe
nicht aus freien Stücken eingegangen zu sein. Politik und Medien
befeuern die gedankliche Verknüpfung von Polygamie und Unfreiwilligkeit
zusätzlich:

Wenn unser Justizminister Zwangs- und Kinderehen mit der
nicht-Anerkennung von Mehrfach-Ehen bekämpfen will und die die
Süddeutsche Zeitung wie hier „Polygamie“ in einem Atemzug mit absolout inakzeptablen Eheformen nennt, bleibt einem unreflektieren Leser nur eine einzige, undifferenzierte
Soße im Kopf hängen.

Im Alltag lässt sich das Gegenteil schlecht erfahen, da es wegen der
strafrechtlichen Schranken kaum Polygame Menschen gibt. Polyamore,
langfristige Mehrfachbeziehungen sind da schon etwas häufiger vertreten
– ohne daß das Modell „Mann mit mehreren Frauen“ dominiert.

Unsere Parteien spiegeln in diesem Zusammenhang den Kenntnisstand der
übrigen Bevölkerung recht gut wieder, entweder sie lehnen Polygamie
grundsätzlich ab, oder sie sprechen überwiegend von „Ehe für Alle“, meinen mit
„Alle“ jedoch ausschließlich monogame Hetero- und Homoehe, und lassen
damit Menschen übrig, die nicht zu „Alle“ gehören.

Mein eigener Versuch, das Thema den politischen Parteien auf ihren
Infoständen bei einem CSD nahezubringen, scheiterte kläglich. Die Leute
von der LSU (Lesben und Schwule in der Union) waren bestimmt nicht gegen
die Homoehe, aber als ich ihnen erklärte, daß eheliche Rechte wie das
Aussageverweigerungsrecht im Strafprozess oder Vorteile im Erbrecht in einer polygamen Ehe auch ganz nett wären, sahen sie mich an, als referiere ich über
Raketenwissenschaften. Am Stand von einer der Parteien, die sich auch
unter ihrem richtigen Namen zum CSD trauten, bekam ich mit dem Verweis
auf die Forderung der Mehrfach-Elternschaft einen Flyer in die Hand
gedrückt. Nun lassen sich Äpfel nciht mit Birnen vergleichen – mehrfache Elternschaft ist eine Rechtsstellung im Bezug auf ein Kind. Ehe eine Rechtsstellung im Bezug auf einen Partner.

Fefe fragte in seinem Blog explizit, ob es inhaltliche Argumente gegen
einvernehmliche Polygamie gibt. Leider ja – und sie haben ausserhalb von
„abendländischen Traditionen“ viel mit Wirtschafts- und Sozialpolitik zu
tun.

Unsere Ehegesetze sind zur Zeit des Ernährer-Modells entstanden: Der
Mann verdient das Geld, die Frau bleibt daheim und zieht die Kinder
groß. Dazu kommt der Vorteil, daß die Armen und Kranken dem Staat
weniger auf der Tasche liegen. Auch wenn ein Ehepartner nie einen Cent
der Arbeitslosen- und Pflegeversicherungsbeiträge gesehen hat, ist er
dennoch dafür verantwortlich, den anderen Partner zu versorgen. Selbst
nach der Ehe durch Unterhalt.
Für den Staat ist das vorteilhaft. So vorteilhaft, daß er
Sozialleistungen spart, in dem er die „Bedarfsgemeinschaften“ sogar auf
zusammenwohnende Menschen ausdehnt, die nicht beweisen können, daß sie
in KEINER eheähnlichen Gemeinschaft leben.

Der nächste Punkt ist die Mitversicherung von Familienmitgliedern über
die Krankenkasse. Wenn Polygamie „richtig“ legalisiert wird, gibt es
keinen Grund, eine zahlenmäßige Obergrenze der Ehepartner festzulegen.
Man stelle sich vor, 500 Studenten heiraten eine einzige berufstätige
Person und haben 500x ihren Krankenkassenbeitrag gespart. Und bei der
Erbschaftssteuer könnte es ebenso Mindereinnahmen geben. Nicht nur monogame Menschen heiraten aus steuerlichen Gründen.

Die freie Entfaltung der Persönlichkeit sowie den Schutz von Ehe und
Familie haben Verfassungsrang. Das sehe ich als völlig kompatibel mit
Polygamie – Schließlich nennt das Grundgesetz keine Obergrenze.

Wer Polygamie legalisieren will, hat mehr zu tun, als lediglich §172 aus dem
Strafgesetzbuch zu streichen und ein paar Formulierungen im BGB zu ändern. Das
gesamte Steuer- und Sozialsystem müsste so umgebaut werden, daß es keine
Gruppe unangemessen bevorzugt oder benachteiligt. Wenn sich unsere
Politiker diese Gesetze nicht von fremdfinanzierten Lobbyisten diktieren
lassen wollen, haben sie einen haufen Arbeit vor sich. Dazu den
Widerstand von den bisher Priviligierten.

Solange es in der Bevölkerung keine kritische Masse gibt, die mit Nachdruck eine Veränderung fordert, wird sich an dieser Front leider nichts tun. Und selbst bei der
gleichgeschlechtlichen Ehe, bei der es den Nachdruck schon gibt, eiern unsere Regierungen seit Jahrzehnten herum.

Zur  Thema Polygamie gibt es den Blog polygamie-ist-gut-für-sie.de von Viktor Leberecht, der überwiegend Links zum Thema sammelt und kommentiert.

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