Essay: Problematischer Treuebegriff

Auf unserem November-Stammtisch erwähnte E., einer der anwesenden Gäste, daß er ein kleines Essay zu der (insbesondere sprachlichen) Problematik des Treuebegriffs geschrieben habe. Mit freundlicher Genehmigung von E. steht euch das Essay nun zum Lesen bereit:
(Klicken zum Weiterlesen)

Unter:
„Monogamie : Die große Lüge.
Nicht Untreue zerstört unser Beziehungsleben, sondern falsch verstandene Treue. Das muss sich ändern. Ein Manifest „ (http://www.zeit.de/2012/13/CH-Monogamie)
erschien am 22. März 2012 unter Zeit Online ein recht eindrucksvoller, weil offenbar recht ehrlicher Artikel. Emotional wurde dort das Problem offenbar diffus schon erfasst, aber gedanklich noch nicht so ganz durchdrungen. Und das obwohl die Überschrift des Artikels den Weg dazu schon fast aufzeigte:  „… sondern falsch verstandene Treue“.

Und genau diesen problematischen Treue-Begriff möchte ich hier nun einmal aufdröseln:

Wenn Beziehungspartner (egal ob monogam oder polygam) rückblickend von einander sagen: „Und er/sie hat mich in der ganzen Zeit kein einziges Mal ernsthaft im Stich gelassen“, dann kann man solche Beziehungspartner sicher rückwirkend dazu beglückwünschen.

Betrachten wir also einmal den Begriff der Treue in einem allgemeinen (jedoch ausdrücklich einmal NICHT in einem sexuellen) Zusammenhang, dann könnte man empirisch beschreibend wohl sagen:

„Treue liegt vor, wenn jemand seinen Partner nicht unnötig im Stich lässt.“

Gewiss, dieser Beschreibungsversuch ist noch nicht bis ins letzte Detail ausgefeilt. Aber nehmen wir diesen Satz einmal als empirisches Testkriterium für unseren gesellschaftstypischen und „monogamen“ Begriff von der sexuellen Treue:

Wenn also jemand (m/w) in einer bereits bestehenden und auch sexuellen Beziehung Gebrauch macht von seinem Recht auf sexuelle Selbstbestimmung und gerade mal keine Lust auf Sex hat, dann ist das gewiss sein gutes Recht. Und zwar ohne Wenn und Aber. Im sexuellen Zusammenhang wird dabei auch gar nicht von sexueller Untreue geredet. Selbst dann, wenn der gerade einmal sexuell Unlustige (m/w) den eventuell gerade sexuell Lust habenden Partner(m/w) dabei ganz schön im Stich lässt. Wir haben an dieser Stelle schon mal einen von der allgemeinen Bedeutung abweichenden Treuebegriff, wenn es um das Sexuelle geht.

Wenn jetzt aber der sexuell im Stich Gelassene (m/w) das sexuelle Recht seines Partners (m/w) auf sexuelle Selbstbestimmung gelten lässt und nicht weiter insistiert, dann ist auch das sicher nicht zu beanstanden. Wenn aber der sexuell im Stich Gelassene (m/w) sich nun seinerseits auf sein Recht der sexuellen Selbstbestimmung besinnt, und dann eben mal sein sexuelles Verlangen mit einer anderen Person auslebt, dann gilt das in unserer Gesellschaft nach dem vorherrschenden „monogamen“ Sprachverständnis als sexuell untreu. – Und das muss man sich einmal ganz langsam und bewusst auf der Zunge zergehen lassen:

Der sexuell im Stich Gelassene (m/w) lässt dabei gewiss nicht seinen Partner (m/w) im Stich – nach allgemeinem (aber nicht-sexuellen) Treueverständnis ist er also keinesfalls untreu. Lediglich, wenn der so sexuell im Stich Gelassene (m/w) seinem Recht auf sexueller Selbstbestimmung anderwärts nachgeht, dann gilt er im sexuellen Sinne als untreu. – Selbst dann, wenn er seinen sich sexuell verweigernden Partner (m/w) in keinster Weise sexuell im Stich lässt.

Wir haben also im sexuellen Zusammenhang eine komplette Bedeutungs-Vertauschung (~Inversion oder ~Perversion) gegenüber einem ansonsten allgemeinen (aber Nicht-sexuellen) Treuebegriff, der den meisten Bürgern unserer Gesellschaft einfach so passiert. Und diese Bedeutungs-Vertauschung gilt bei den meisten Bürgern unserer Gesellschaft als „normal“, und ist zudem bei den meisten Bürgern in unserer Gesellschaft auch noch ganz tief emotional verankert.

Faktisch schmeißen wohl die meisten Bürger in unserer Gesellschaft diese beiden total gegensätzlichen Treuebegriffe aber sprachlich in einen Topf und wundern sich, wenn sie damit weder in ihrem Denken noch in ihrer Kommunikation noch in ihren realen Konflikten zum Thema „Treue“ so richtig klar kommen.
(Soziologisch ließe sich der Prozentsatz dieser sprachlichen Nicht-Unterscheider vermutlich mit vertretbarem Aufwand auch ermitteln. – Hallo, Florian!)

Sollte diese von mir hier geäußerte Unterscheidung ein ausreichendes Interesse finden, kann ich in einer Fortsetzung darstellen:
1.) was diese Diskrepanz der beiden Treue-Begriffe in der Regel nicht weiter auffallen lässt
2.) was diese meist unbemerkte Diskrepanz fortlaufend noch weiter verstärkt.

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Ein Kommentar zu “Essay: Problematischer Treuebegriff”

  1. Natürlich . Beide Schlussfolgerungen sind logisch, und damit wahr.
    Nur: Hier handelt es sich um emotionale Aspekte. Und wie bringt man Logik seinem Partnerbei, wenn er/sie eine andere Gefühlswelt hat?
    Gruß
    Rolf/Karazza

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