Lesefutter

Da polybi uns gemahnt hat, mehr Beiträge zu schreiben, mache ich mal den Anfang mit ein paar Lesetipps. Allerdings keine Bücher über Poly, sondern über Beziehungen (monogame und undefinierbare und völlig durcheinandere) und alles was da drumrum so passieren kann. Und keine Bücher, sondern Comics.

Es ist unglaublich, wie stilsicher Zeichner Fior hier die Atmosphäre des Jahres 1920 in einem italienischen Kurort einfängt, in dem sich die Damen und Herren der Gesellschaft ein Stelldichein geben. Ganz im Stil der Wiener Secession gemalt, adaptiert Fior die Novelle von Arthur Schnitzler, in der sich alles um ein unmoralisches Angebot dreht – und um die Frage, wie Else damit umgeht. Schnitzler, der mit Sigmund Freud befreundet war, thematisiert die Doppelmoral des Bürgertums – ihre auf biederem Wohlstand begründete Anständigkeit und die verborgenen erotischen Bedürfnisse. Mehr unter Fräulein Else.

Craig Thompson erzählt eine der schönsten Liebesgeschichten der Comicwelt. Im Zwiespalt zwischen erotischem Begehren und dem religiösen Dogmatismus seines Elternhauses erfolgt die Annäherung zwischen ihm und einem Mädchen – so sensibel, so zart, so unsicher und so vorsichtig, wie das nur in der Pubertät möglich ist. Die zauberhaften Schneelandschaften von Wisconsin dienen als jungfräuliche Kulisse. Nebenbei beginnt man durch die Schilderung des religiösen Umfeldes zu verstehen, wie mit George W. Bush auch im 21. Jahrhundert ein religiöser Fundamentalist Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika werden konnte. Mehr unter Blankets.

Ein paar Freunde um die 30 wollen die kommende Sonnenfinsternis gemeinsam erleben. Dazu ziehen sie sich für vier Tage und Nächte in ein abgelegenes Haus zurück. Dominique ist mit Isa verheiratet, baggert aber an Helena rum. Jean-Pierre hat gar nicht erst seine Frau, sondern eine 19jährige Internetbekanntschaft eingeladen. Hubert wiederum sind diese heterosexuellen Verwicklungen egal, denn er ist schwul und entdeckt den schönsten Knackarsch seines Lebens erst in einem in der Nähe des Hauses gelegenen Dorf. Eine muntere Geschichte, in der sechs Menschen einerseits viel Spaß miteinander haben, zwischen denen es aber auch ab und zu gehörig kracht. Mehr unter Sonnenfinsternis.

In diesem Comic erlebt man die Angebetete ausschließlich durch die Augen des Verliebten. Der Leser sieht nur, was auch er sieht und hört. Fast schon so etwas wie die Entdeckung der Langsamkeit, denn hier wird jeder Augenaufschlag, jede Armbewegung, jedes Stirnrunzeln und jedes Lächeln skizziert. Es sind wunderschöne Sequenzen, in denen die Gemütszustände der jungen Frau eingefangen werden. Ob heiter oder traurig, ernst oder verspielt, albern oder sinnlich – die Buntstifte geben jeder Szene eine persönliche Note und machen dieses Album zu einem Comic, der rundum fasziniert: klasse Idee, originelle Erzähltechnik, starke Grafik. Mehr unter In meinen Augen.

Kein Comic für Männer mit Kastrationsängsten. Im Alter von acht Jahren lebt Riad in Syrien und stellt fest, dass er weiter pinkeln kann als seine Cousins. Toll! Allerdings entdeckt er auch, dass sein Pimmel mehr die Form eines Rüssels hat, die seiner Cousins dagegen die Form von Champignons. Dass das damit zu tun hat, dass er noch nicht beschnitten ist, ist ihm nicht klar, denn er hat keine Ahnung von Beschneidungen. Als sein Vater ihm eines Tages verkündet, dass er ihn in drei Monaten beschneiden lassen will, erklären es ihm seine Freunde: „Da wird die Haut vom Pimmel abgeschnitten.“ Verständlich, dass ihn dieser Gedanke wenig beruhigt. Seine kindlichen Versuche, sich davor zu drücken, schildert Sattouf mit viel Selbstironie. Ein amüsantes Album, in dem man einiges über die Kultur des Mittleren Ostens erfährt. Mehr unter Meine Beschneidung.

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